Kühlkammeröffnung

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Die Gewalt des Wassers

Bildhauerische Arbeiten von ganz eigener Art stellt ein junger Künstler im Dorf Hauenreuth, einem Ortsteil von Wunsiedel, her. „Thermotaxis“ heißt sein aktueller Werkzyklus; der Begriff stammt aus der Biologie.

Von Ralf Sziegoleit

Wunsiedel – Clemens Hutter hat uns zu einer Premiere eingeladen: An einem sonnigen Frühlingstag will er seinen ersten Kubikmeter-Würfel aus der Kühlkammer in seiner Werkstatt holen. Der 32-Jährige produziert Kunst, die aus der Kälte kommt. Die einzigartige Skulpturenreihe ist aus Stahl gemacht. Aber es braucht Eis dafür, dass die Stücke so aussehen, wie Hutter sie haben will. Zunächst werden Stahlplatten zu meist würfelförmigen Gebilden verschweißt. Durch eine kleine Öffnung füllt Hutter Wasser ein – und dann wird gekühlt. Der Rest ist Physik: Wenn aus Wasser Eis wird, nimmt sein Volumen zu. Und es entwickelt dabei eine solche Kraft, dass es Stahlplatten verbiegt und Schweißnähte sprengt.

Die riesige Kühlkammer hat sich Hutter eigens gebaut, um Großskulpturen herstellen zu können. Für kleine Arbeiten hat die handelsübliche Kühltruhe in seiner Werkstatt gereicht. Nun aber steht da ein Trumm aus Stahl: ein Meter Kantenlänge, Eigengewicht 800 Kilogramm, tonnenschwer gefüllt mit 1000 Litern Wasser, die im Lauf von zwei Wochen zu Eis geworden sind. Das Eis blitzt dort hervor, wo es die Nähte aufgebrochen hat. Dass dies stets an der schwächsten Stelle geschieht, erläutert der Künstler. „Aber nicht immer“, sagt er, „macht das Eis genau das, was man will.“ Sein Ziel ist, dass die Risse nicht absolut glatt bleiben und die Kanten eigene Dynamik entwickeln: „Wichtig ist, dass man die Gewalt sieht.“

In Hauenreuth, das zur Stadt Wunsiedel gehört, lebt der aus Passau stammende Clemens Hutter seit dem Sommer 2014. Seine Frau Corinna war damals Lehrerin an der Fachoberschule Marktredwitz geworden, und darum hatten sie einen Wohnsitz im Landkreis gesucht. Die ideale Verbindung von Haus und als Werkstatt nutzbarer Scheune fanden sie in Hauenreuth, und sie fühlen sich wohl dort, wie beide betonen: „Man hat uns gut aufgenommen.“ In der Nähe, nämlich in Selb, wurde Hutter vor zwei Jahren auch als Künstler aktiv: Im Rahmen des deutsch-tschechischen Projekts „Kultur – Stadt – Nachhaltigkeit“ nahm er an einem Bildhauer-Workshop teil. Seine mehrteilige große Arbeit „Eiswürfel 17-23“ blieb in der Stadt zurück; sie ist Eigentum des dortigen Kunstvereins.

Studiert hat Hutter an der Nürnberger Kunstakademie. Er fing an mit vier Semestern Malerei in der Klasse von Professor Ralph Fleck, in der etwas später auch der junge Hofer Jan Gemeinhardt sein Studium aufnahm. Aber Bilder herzustellen, sei nicht wirklich sein Ding gewesen, gibt Hutter heute zu. Zum Glück für ihn verlangt die Akademie, dass man sich im Grundstudium auch in zwei Werkstätten umschaut. Als er den „Schmiedeschein“ machte, entdeckte der Niederbayer seine wahre Berufung und sattelte um auf die Bildhauerei. Seither arbeitet er an Dingen, die ihm Spaß machen, und sucht die „schöne und interessante Form“, nicht über die Zeichnung, wie das manche seiner Kollegen tun, sondern in direktem Umgang mit dem Werkstoff, bevorzugt dem Stahl.

Sein Hauptthema hat er durch Zufall gefunden. Er arbeitete an einem Tisch aus Metall und stellte am Ende des Winters fest, dass ein Tischbein aufgebrochen war – durch die Kraft gefrorenen Wassers. Dies wollte er sich zunutze machen. Und es gelang, durch Beobachten und Ausprobieren. „Thermotaxis“ nennt er seinen Werkzyklus. In der Biologie bedeutet der Begriff, dass Organismen durch Temperaturveränderungen dazu veranlasst werden, sich zu bewegen. Hutter übertrug das Prinzip auf ein Material, das dafür absolut nicht zu taugen scheint: den Stahl. Einige seiner Werke, für die er ein spezielles Material, das sogenannte Bimetall, verwendet hat, verändern ihr Aussehen tatsächlich je nach Wetterlage. Es handelt sich um zart geformte Bänder in U-Form, deren Flügel sich bei Wärme wie Blütenkelche öffnen.

Aber besonders wichtig sind ihm jene Skulpturen, denen er durch die Gewalt des Wassers eine neue, bislang unbekannte, spannende Form verleiht. Sie werden im Mittelpunkt einer Ausstellung stehen, die Ende Juli in der Sankt-Anna-Kapelle seiner Heimatstadt Passau eröffnet wird. Als Preisträger im Wettbewerb „Junge Kunst“ werde er zwei Anhänger voller Material an den Ausstellungsort bringen, sagt Hutter, der seine Arbeiten bald auch beim Kunstverein Hof zeigen will. Ganz neu in seinem Œuvre sind Rohre, die nicht durch Wasser, sondern Sprengstoff umgeformt werden. Freilich geht er dabei mit Vorsicht zu Werke. Als Berater steht ihm der Sprengmeister aus einem nahen Steinbruch zur Seite. Schließlich will der Bildhauer Clemens Hutter nach getaner Kunst-Arbeit wieder gesund heim zu Frau und Hund.

Erschienen in der Frankenpost am 30.05.2016

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Fotos: Annie Sziegoleit

 

 

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