Laudatio „Hart & Zart“

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Bei der Arbeit

 

Gehalten am 27.7.2012 von Claudia Petzold, Kunsthistorikerin und Buchwissenschaftlerin Eine alte Weisheit besagt: Kunst liegt im Auge des Betrachters. Diesen Satz hört man so oft, dass er beinahe schon abgedroschen klingt, seinen Sinn und Wert verloren hat. Und doch stimmt er. Kunst ist immer eine Sache des Blickwinkels, der Ansicht und der Sicht des Einzelnen. Ich bin unter anderem Kunsthistorikerin und habe daher von Haus aus einen ganz anderen Blick auf Kunst. Kunsthistoriker betrachten Kunst anders als die meisten. Sie versuchen die Werke einzuordnen, zu vergleichen, zu analysieren. Die Wissenschaft versperrt uns oft den klaren Blick. Zu viele Faktoren werden abgewogen. Und wenn es um Gegenwartskunst geht, die ja nur schwer in Epochen einzuordnen ist, da sie jetzt gerade erst im Werden ist, betätigen wir uns gerne auch als Kritiker, zumindest ich tue das. Das haben wir mit den Journalisten gemeinsam. Den Experten der Feuilletons. Sie beschreiben die Kunst, interpretieren sie, suchen nach dem Sinn. Vielleicht weil sich eine Zeitungsseite nur mit dem Satz „Das sind sehr schöne Werke“ nicht füllen lässt. Am besten haben es die Besucher von Ausstellungen getroffen, also Sie. Die Besucher, Kunstliebhaber, können einen unbeeinflussten Blick auf die Werke werfen.

Sie wirken lassen, ohne sie zu hinterfragen und einfach nur ihren Anblick genießen. Der wichtigste Blick bei einem Kunstwerk bleibt aber immer der des Künstlers. Sein Blickwinkel ist es, der aus etwas einfachem wie Farbe, Stein, Papier etwas Besonderes werden lässt. Zunächst ist es nur eine Idee in seinem Kopf, die dann zum Leben erweckt wird. Und dann kommt der Blickwinkel ins Spiel. Nur der Künstler kann sein Werk so sehen wie es einst gedacht war – und wird alles dafür tun, dass Idee und Realität sich irgendwann gleichen. Ein Künstler investiert Kraft, Zeit, Schweiß und manchmal vielleicht sogar Tränen in sein Werk. Solange bis irgendwann sich seine ganz besondere Sicht auch in seinem Kunstwerk widerspiegelt. Wie wichtig dieser Blickwinkel sein kann, wie sehr sich unsere Sicht manchmal auch von unseren Gedanken beeinflussen lässt, zeigt diese Ausstellung. Aber lassen Sie mich Ihnen zuerst einmal die beiden Künstler des Abends vorstellen. Clemens Hutter stellt hier seine außergewöhnlichen Stahlskulpturen vor und Rudolf Ritt zeigt einzigartige Fotografien von Schmetterlingen. Für Clemens Hutter ist dies die erste große öffentliche Ausstellung. Er wurde hier in Obernzell geboren und es scheint selbstverständlich dass er auch hier zum ersten Mal ausstellt, da er hier seine ersten künstlerischen Schritte tat. Nach einem Jahr bei Computergrafik Fehrer ging er nach Nürnberg an die Akademie der Bildenden Künste. Zunächst besuchte er dort die Klasse für freie Malerei. Aber schließlich entdeckte er sein wahres Talent und seine Leidenschaft und wechselte in die Klasse für bildende Kunst, Fachbereich Bildhauerei. Wer nun aber denkt, dass Clemens Hutter angefangen hat Marmor mit einem Meißel zu bearbeiten der täuscht sich. Er wendete sich etwas heißerem zu, das auch schwerer zu bändigen ist: Den Stahlskulpturen. Stahl ist noch härter als Stein und kann nur innerhalb von Sekunden bearbeitet werden. Erst wenn es in der Esse erhitzt wurde, lässt sich das Material formen. Ein Kreislauf entsteht: Feuer schüren, Stahl auf 1200 Grad erhitzen, bearbeiten, kühlen, erneut erhitzen. Immer wieder. Solange bis am Ende die gewünschte Form entstanden ist. Geduldiges Vorbereiten und dann entschlossenes Bearbeiten in wenigen Sekunden und Minuten. Umso erstaunlicher ist das Ergebnis – etwas das weit entfernt von einem groben Klumpen Eisen ist. Aber dazu später mehr. Der zweite Künstler des Abends ist Dr. Rudolf Ritt. Der ambitionierte Amateurfotograf widmet sich bereits seit über dreißig Jahren der Fotografie und hat bereits an einigen Ausstellungen mitgewirkt. Großen Erfolg hatte die Ausstellung „Passau – Venedig: wir wagen den Vergleich“ zusammen mit Markus Fehrer. Eine Gegenüberstellung der berühmten Lagunenstadt mit der Donaustadt Passau. Sie war 2002 hier in diesen Räumen im Schloss Obernzell und zwei Jahre später auch in Passau zu sehen. Weitere Ausstellungen absolvierte er zusammen mit anderen Künstlern wie Margit Ennen, Otto Assmann und Christina Fischer. Rudolf Ritts große Leidenschaft gilt der Natur, insbesondere den Schmetterlingen. Dabei ist die Natur nicht nur Fotomotiv, sondern auch Interessensobjekt. Das Verhalten der Tiere, ihr Vorkommen, die biologischen Aspekte – alles ist für Rudolf Ritt von Interesse und beeinflusst auch die Fotografien. Diese intensive Beschäftigung mit den Schmetterlingen führt zu einer einzigartigen Betrachtungsweise, die sich auch in den Fotografien widerspiegelt. Gerade hier kommt wieder der Blickwinkel des Künstlers ins Spiel, denn Rudolf Ritt macht nicht nur einfach Bilder von Schmetterlingen, nein er macht Schmetterlingsportraits. Eine nicht ganz einfache Sache, die enorme Geduld erfordert und die richtige Herangehensweise.Es sei an dieser Stelle auch darauf hingewiesen, dass alle Fotografien in der freien Natur gemacht wurden, also im natürlichen Umfeld der Schmetterlinge. Und wer schon einmal einen Schmetterling über die Wiese flattern hat sehen, wird sich sicher fragen, wie man solch fantastische Nahaufnahmen machen kann. Das Thema dieser Ausstellung ist „Hart und Zart“. Stahlskulpturen und Schmetterlingsportraits. Kommen wir nun zurück auf die Sicht der Dinge und wie sehr unser Verstand und unser eigener Blickwinkel uns beeinflussen kann. Die Zuordnung der Begriffe Hart und Zart scheint einfach. Auf der einen Seite die Stahlskulpturen. Stahl das ist hart, das ist schwer und sperrig. Wir denken an Stahlcontainer und Stahlträger für Wolkenkratzer. Auf der anderen Seite die Schmetterlinge. Leichte, zarte Wesen, die schwerelos von Blüte zu Blüte gleiten. Nun, diese Ausstellung zeigt, dass es eben auch anders sein kann. Der Blickwinkel macht den Unterschied. Der zarte Schmetterling wird sehr schnell zu etwas Gewaltigem, wenn man ihn in Nahaufnahme sieht. Das Gesicht beinahe menschlich, die Fühler groß und bedrohlich. Verschwinden erst mal die zarten, bunten Flügel aus dem Blick, werden die Schmetterlinge schnell zu etwas anderem. Wie mir Rudolf Ritt berichtete, erkennen manche Menschen nicht einmal den Schmetterling. Sie tippen auf Käfer, Fledermäuse und sogar Igel. Der Blick verschiebt sich, etwas anderes als das Hauptmerkmal des Schmetterlings rückt in den Vordergrund und erlaubt eine ganz neue Sicht auf diese Wesen. Auch der harte Stahl der Skulpturen von Clemens Hutter erweist sich als etwas anderes als man erwartet. Stahlskulpturen müssen per se schwer sein, starr und klobig. Umso erstaunter ist man, wenn man die filigranen Werke sieht, die Clemens Hutter aus dem Stahl geformt hat. Leicht winden sich die Stahlstränge nach oben, drehen sich, verbinden sich. Jedes Ausstellungsstück wurde nach einem anderen Prinzip gefertigt, wurde anders behandelt und doch gleichen sie sich in ihren zarten Windungen. Dass diesem Prinzip keine Grenzen gesetzt sind, konnten sie bereits vor der Tür des Schlosses bewundern. Zwei zweieinhalb Meter Skulpturen, die sich leicht und filigran erheben. Und im Burggraben findet sich eine weitere Skulptur die über 5 Meter misst. Sowohl für die Stahlskulpturen als auch die Schmetterlingsportraits sind großes Geschick aber auch ein gutes Auge notwendig. Der besondere Blick, der eben nur dem Künstler zu eigen ist. Ich bin mir sicher, dass Clemens Hutter und Rudolf Ritt gerne bereit sind, Ihnen heute Abend bei der Ausstellung ihre eigene Sicht zu erläutern. In den Räumen des Schlosses können Sie die einzelnen Kunstwerke bewundern. Um die Skulpturen wandern, und versuchen Sie von allen Seiten zu erfassen. Beobachtet werden Sie von den schönen und manchmal auch skurilen Blicken der Schmetterlinge. Eine Ausstellung, die den Besucher ermuntert genauer hinzusehen, den Blickwinkel zu ändern und sich auf das Gesehene einzulassen. Am Ende bleibt für diese Ausstellung aber die Frage bestehen: was ist hart und was zart? Der harte Stahl der zu zarten Figuren gedreht wurde? Oder die zarten Schmetterlinge, deren unerwartet harte Gesichtszüge auf den Portraits zu sehen sind? Ich denke, dass diese Entscheidung nur jeder einzelne treffen kann, denn: Kunst liegt immer im Auge des Betrachters.

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